2014: 125 Jahre Instituts-Hauptgebäude der Jenaer Universitäts-Sternwarte im Schillergäßchen

 

Als Ernst Abbe (1840-1905) im Jahre 1877 das Direktorat der Jenaer Sternwarte übernahm, war dieses Fach schon über 300 Jahre an der Jenaer Universität vertreten. Mit ihm sind Namen wie Georg Limnäus (1554-1611), Erhard Weigel (1625-1699), Johann Ernst Basilius Wiedeburg (1733-1789) und Karl Dietrich von Münchow (1778-1836) verbunden.

 

 

Erst Abbe im Jahre 1886

 

Nach seinem Amtsantritt als Direktor der Sternwarte im Schillergäßchen hat Abbe zunächst das alte Gebäude der Sternwarte mit ihrem Beobachtungsturm, das vormalige Schillersche Gartenhaus, restaurieren lassen. Schließlich erbrachte seine Tätigkeit als Teilhaber der Zeisschen Werkstätte in Jena so großen Gewinn, daß Abbe einen Sternwarten-Neubau errichten lassen konnte.

1886 entwickelte er erste Pläne dafür. Im Mai des gleichen Jahres richtete Abbe den aus dem Gewinn des Zeiss-Werkes finanzierten »Ministerialfonds für wissenschaftliche Zwecke« ein - den Vorläufer der Carl-Zeiss-Stiftung -, aus dem vor allem die mathematisch-naturwissenschaftlichen Institute der Universität einen jährlichen Zuschuß von 6000 Mark erhalten sollten.

 

 

Eine der Bauzeichnungen für den Sternwarten-Neubau

 

Am 16. August 1886 schrieb er dem inzwischen zum Kurator der Universität ernannten Heinrich von Eggeling (1838-1911), einem der wenigen Duzfreunde aus der ersten Jenaer Studienzeit: »Verehrter Freund! Ich habe […] gerade noch Zeit gefunden, den bewußten Antrag wegen Erneuerung der Sternwarte aufzusetzen […].« Er bat, »das Ganze oder soviel davon als nötig einfach durch den Ministerialfonds für w. Zwecke laufen zu lassen. Das könnte doch wohl ohne weiteres geschehen, da in meiner ,Erklärung' vorübergehende Erhöhung der Leistung für spezielle Zwecke ausdrücklich vorbehalten ist (wenn ich auch an diese Sache eigentlich nicht gedacht habe) […]. Eine schriftliche Verzichtleistung auf alle Ansprüche einfach zu den Akten der Kuratel dürfte aber, denke ich, jetzt ebenso genügen, wie solche früher genügt hat als ich - im Jahre 1878 - die Ermächtigung erhalten hatte, an dem Wohnhaus der Sternwarte eine bauliche Erweiterung auf meine Kosten vornehmen zu dürfen (bei der es sich doch auch um ein Objekt von ein paar Tausend Mark gehandelt hat). Der andere Punkt betrifft meine Bitte, daß tunlichst darauf Bedacht genommen werden möchte, die Einzelheiten der ganzen Abmachung nicht Unberufenen bekannt werden zu lassen – damit sie nicht zum Gegenstand eines mir lästigen Geredes werde und ich wenigstens nicht widerlegt werden kann, wenn ich neugierige Frager (die in diesem Fall nicht ausbleiben werden) mit der Ausrede abfinde: es seien alte Fonds der Sternwarte vorhanden, zu denen ich noch einen Beitrag geleistet habe.«

 

Zwei Tage später trug von Eggeling das Anliegen dem Großherzoglichen Staatsministerium vor. Damit unterstützte er Abbes Initiative, die den Weiterbestand der Jenaer Sternwarte sicherte: »Der bauliche Zustand der hiesigen Sternwarte ist ein solcher, daß eine Erhaltung des Gebäudes kaum mehr auf einige Jahre zu ermöglichen sein würde. In Erwägung, daß die Sternwarte nicht zu den unentbehrlichen Positionen der Universität zu zählen ist und im Hinblick auf die erheblichen Anforderungen, welche gerade jetzt für Errichtung notwendiger Universitätsanstalten gestellt werden müssen, könnte die Hoffnung nicht wohl unterhalten werden, daß die für einen Neubau der Sternwarte erforderlichen Mittel jetzt zu erlangen sein würden. Müßte aber schon aus so sehr berechtigter Pietätsrücksicht der Verlust dieser mit den großen Traditionen des Weimarischen Landes so eng verknüpften Anstalt auf das tiefste beklagt werden, so gewiß auch im Interesse der Universität, und zwar jetzt um so mehr, als wohl zu keiner Zeit mit gleicher Zuversicht wie jetzt erwartet werden könnte, daß an der Sternwarte zu Jena wissenschaftliche Ergebnisse von hervorragender Bedeutung erzielt und im Ruhmeskranz der Universität neue unverwelkliche Blätter eingefügt werden dürften.«

 

Abbe zahlte am 2. April 1887 für den Ankauf des südlich vom Schillergarten gelegenen Grundstücks für die neue Sternwarte 7035 Mark. Über die Kosten für den Bau und die Einrichtung, aber auch für den Abriß der alten Sternwarte fehlen in den Akten die Nachweise. In den Jahren 1888 und 1889 wurde die neue Sternwarte nach den Plänen des inzwischen verstorbenen Architekten und Oberbaudirektors Ferdinand von Streichhan, ehemals am Weimarischen Staatsministerium, errichtet. Sie besteht aus einem achteckigen Gebäudeteil mit dem das Beobachtungsinstrument tragenden Pfeiler unter einer Kuppel und je einem Meridianzimmer mit einem zu öffnenden Dachspalt in der Richtung des Meridians an der östlichen und westlichen Seite. Der Anbau an das Schillersche Gartenhaus wurde abgetragen; an ihn erinnern noch heute der Winkel des Mittelweges im Schillergarten zur Hauptachse des Hauses von 102°.

 

 

Fotografie um 1900 mit der Unterschrift von Otto Knopf (Archiv Dr. Hermann Knopf)

 

 

Der Sternwarte von Norden um 1900 (Archiv Dr. Hermann Knopf)

 

Das Observatorium wurde auch mit neuen Geräten ausgestattet.

 

    

 

Meridiankreis (7,7 cm Öffnung und 93 cm Brennweite, Kreisdurchmesser 43 cm) und Refraktor (20 cm Öffnung und 3 m Brennweite) für den Sternwarten-Neubau aus der Werkstatt von Carl Bamberg (1847-1892), der seine Ausbildung bei Carl Zeiss in Jena erhalten hatte.

 

Am 1. April 1889 wurde Otto Knopf (1856-1945) als Observator der Sternwarte durch Privatvertrag mit Ernst Abbe eingestellt. Knopf habilitierte sich im Jahre 1893 und übernahm von da an die Vorlesungstätigkeit von Ernst Abbe, der sich im Jahre 1900 als Direktor der Sternwarte entpflichten ließ; Knopf wurde sein Nachfolger und blieb bis 1929 im Amt.

 

Das Sternwartengebäude wurde in den Jahren 1903 erweitert und erhielt im Jahre 1936 seine heutige Form.

 

 

Das Astrophysikalische Institut und die Universitäts-Sternwarte im Jenaer Schillergäßchen im Juni 2003 (Foto: Universität Jena, Jan-Peter Kasper)

 

 

Die Direktoren des Instituts waren:

1877–1900:    Ernst Abbe,

1900–1929:    Otto Knopf,

1929–1933:    Heinrich Vogt,

1933–1945:    Heinrich Siedentopf,

1945–1969:    Hermann Lambrecht,

1969–1978:    Helmut Zimmermann

                                   (Wissenschaftsbereichs-Leiter),

1978–1982:    Karl-Heinz Schmidt (WB-Leiter),

1982–1984:    Werner Pfau (WB-Leiter),

1984–1990:    Siegfried Marx (WB-Leiter als Honorarprofessor),

                        Werner Pfau

                                   (ständiger Stellvertreter des WB-Leiters),

1990–2000:    Werner Pfau (Direktor),

2000–2002:    Thomas Henning,

2002–2003:    Jürgen Blum (kommissarisch),

   seit 2003:     Ralph Neuhäuser.

 

 

Jena, im Februar 2014                                       Dr. Reinhard E. Schielicke