FRIEDRICH-SCHILLER-UNIVERSITÄT JENA

 

Astrophysikalisches Institut und Universitäts-Sternwarte

 

Über 450 Jahre Astronomie an der Jenaer Universität

 

200 Jahre Sternwarte im Schillergäßchen

 

 

                        

 

Von links: Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach,

Johann Wolfgang von Goethe, Karl Dietrich von Münchow, Ernst Abbe, Otto Knopf,

Heinrich Siedentopf, Hermann Lambrecht, Helmut Zimmermann, Karl-Heinz Schmidt,

Werner Pfau, Thomas Henning, Jürgen Blum, Ralph Neuhäuser.

 

 

Wie an keinem anderen Ort in Mitteleuropa ist die Astronomie an der Jenaer Universität in den vergangenen über 450 Jahren bis heute kontinuierlich gepflegt worden. Schon die Gründungsprofessoren Johann Strigel und Victorin Stigel waren astronomisch gebildet.

 

Georg Limnäus, Professor von 1588 bis 1611, war weithin bekannt. Der junge Johannes Kepler schickte ihm – neben Galileo Galilei – ein Exemplar mit dem »Mysterium cosmographicum«. Limnäus schrieb ihm daraufhin, er habe sich in Jena ein kleines Observatorium eingerichtet; leider ist es heute nicht mehr lokalisierbar. Heinrich Hoffmann begründete um 1620 mit seinen Studenten das astronomische Praktikum in Jena.

 

Einen besonderen Aufschwung nahm die Universität und mit ihr die Astronomie durch die Berufung Erhard Weigels 1652. Er war als Hochschullehrer geschätzt, und so verdoppelte sich die Studentenzahl an der Universität innerhalb weniger Jahre auf etwa 1500. Weigel wurde auch durch seine Globen bekannt und vor allem wegen seines Einsatzes für die Kalenderreform in den reformierten Ländern Europas.

 

Im 18. Jahrhundert bemühten sich die Professorenfamilien Hamberger und Wiedeburg um die Astronomie in Jena. Johann Ernst Basilius Wiedeburg war es, der Johann Wolfgang von Goethe im Frühjahr 1786 in die Algebra einführte.

 

 

 

 

Weigels Observatorium 1653,           erneuert durch Hamberger 1697

 

 

Das astronomische Interesse Herzog Carl Augusts von Sachsen-Weimar-Eisenach wurde nach 1810 erneut geweckt durch den Verleger Bertuch, den Mathematikprofessor Werneburg und den Staatsrat von Müffling aus Weimar. Er beschloß, im Jenaer Schillergäßchen eine Sternwarte einzurichten und beauftragte Goethe – zunächst gegen dessen Widerstand: Goethe kannte die Kosten der Gothaer Sternwarte – mit der Oberaufsicht. Schließlich konnte der erste Direktor der Jenaer Sternwarte, Karl Dietrich von Münchow am 3. September 1813, dem Geburtstag des Herzogs, die ersten Fixsterndurchgänge beobachten.

 

Goethe wies an: »Es wird dem Astronomen zur Pflicht gemacht, beständig genau Zeit zu halten, alle Sternbedeckungen und sonstigen Himmelsbegebenheiten, welche zur Längenbestimmung dienen können, fleißig zu beobachten und sowohl diese Beobachtungen als alle anderen, welche der Astronomie zum Fortschreiten der Wissenschaft und neuen Entdeckungen gemacht, in Manuale einzutragen, welche nebst den Manualen über den Gang der Uhr in Jahrgängen als ein Eigentum der Sternwarte sorgfältig aufbewahrt werden«.

 

Eine Reihe von Instrumenten aus jenen Jahren zählt heute zur Sammlung des Instituts, und die historische Bibliothek der Sternwarte wurde damit begründet. Von Münchow nahm 1819 einen Ruf nach Bonn an, sein Nachfolger Friedrich Posselt verstarb schon 1823, danach war Ludwig Schrön bis zu seinem Tode 1875 Direktor der Jenaer Sternwarte.

 

 

 

Die Goethesche Sternwarte im Schillergäßchen, 1813. (Modell und Foto: Schielicke)

 

 

1877 wurde Ernst Abbe vom Universitäts-Kurator um ein Gutachten über den Fortbestand der Astronomie in Jena gebeten: er bezeichnete die Astronomie als »Schule der exakten Beobachtungskunst« und übernahm das Direktorat bis zum Jahre 1900. So bewahrte er die Jenaer Astronomie vor dem Untergang, wie er in jenen Jahren auch den Erhalt der Universität insgesamt durch die Einrichtung der Carl-Zeiss-Stiftung sicherte.

Mit seiner Familie bezog er die restaurierte Sternwarte, in der er bis 1886 wohnte.

 

 

 

Die Sternwarte nach der Rekonstruktion durch Abbe, 1878 bis 1889. (Foto: Sammlung Knopf)

 

 

Im Jahre 1889 ließ Ernst Abbe einen Sternwartenneubau errichten. Mängel an den beschafften Instrumenten bewogen ihn, im Jenaer Zeiss-Werk 1897 eine Astro-Abteilung einzurichten – eine weitere Besonderheit Jenaer Astronomiegeschichte: die industriemäßige Fertigung astronomischer Instrumente.

 

 

 

Abbes Sternwartenneubau, 1889. (Foto: Sammlung Knopf)

 

 

Mit der Fertigstellung seiner neuen Sternwarte hat Ernst Abbe als Assistenten Otto Knopf eingestellt, der sich bald habilitierte und im Jahre 1900 seine Nachfolge antrat. Knopf hat als »klassischer Astronom« geographische Ortsbestimmung und Bahnbestimmung von kleinen Planeten und Kometen betrieben. Dabei stand er in engem, weitreichenden Kontakt mit seinen Fachkollegen. Er war der erste, der eine Beobachtungsstation außerhalb des Saaletals für dringlich hielt. Bewußt wollte er vor seinem Ausscheiden im Jahre 1927 seinem Nachfolger freie Hand lassen für die astrophysikalische Ausrichtung seines Instituts.

Heinrich Vogt aus Heidelberg, der absprachegemäß 1933 wieder dorthin zurückging, war der erste, der die Astrophysik in Jena etablierte. Sein Nachfolger Heinrich Siedentopf setzte die Arbeiten fort, bei ihm verband sich beste Beobachtungskunst mit treffsicherer theoretischer Deutung. Er widmete sich der fotografischen Sternphotometrie, der Sonnenphysik und Sichtbeobachtungen. Für die beiden letztgenannten Themenkreise nutzte er Finanzierungsquellen, die das nationalsozialistische Deutschland bot. Es zeigte sich, daß sie für die Funkverbindungen und Flugaufklärung als »kriegswichtig«, zuletzt als »kriegsentscheidend« eingestuft worden waren.

 

 

 

Die Sternwarte im Schillergäßchen, 1903. (Foto: Sammlung Knopf)

 

 

Nach der Zerschlagung der faschistischen Diktatur wurde Siedentopf wie fast 300 weitere Universitätsangehörige, 84 Zeiss- und 41 Schottmitarbeiter nach Württemberg evakuiert. Nach 1950 setzte er in Tübingen seine Untersuchungen mit großem Erfolg für die Astronomie fort – zu erleben auch bei einem Vortrag in Jena im Jahre 1957.

 

Hermann Lambrecht übernahm 1945 die Leitung der Sternwarte. Er war 1934 von Siedentopf promoviert worden und hatte sich in Breslau habilitiert. Mit der von ihm eingeführten Untersuchung der interstellaren Materie begann für Jena eine über Jahrzehnte dauernde tragfähige Forschung – von Lambrechts Nachfolgern Helmut Zimmermann und Karl-Heinz Schmidt fortgeführt –, die nach dem Zusammenbruch der DDR unter dem Direktorat von Werner Pfau auch zur Gründung einer Arbeitsgruppe »Staub in Sternentstehungsgebieten« der Max-Planck-Gesellschaft unter Leitung von Thomas Henning führte. Die Untersuchungen werden heute erfolgreich mit der Suche nach Exoplaneten und ihrer Erforschung unter Ralph Neuhäuser, der dem Astrophysikalischen Institut und der Universitäts-Sternwarte nun vorsteht, fortgesetzt.

 

 

 

Die Beobachtungsstation bei Großschwabhausen, 1963. (Foto: Schielicke)

 

 

Leider ist die Verbindung der Universitäts-Sternwarte Jena zu ihrer Geschichte und zur Astronomiegeschichte überhaupt mit der Enteignung und schließlichen Konfiszierung ihrer historisch gewachsenen Institutsbibliothek unterbrochen. Seit März 2012 gilt der Buch-Bestand von ca. 150 lfd. Metern bei der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek als „zur Zeit nicht verfügbar“.

 

 

Jena, im Juli 2013                                         Dr. Reinhard E. Schielicke